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Türkei: Gefahr für Europas Banken?

    10 Aug

    Türkei: Gefahr für Europas Banken?

    Der starke Mann der Türkei, Staatspräsident Erdogan, sucht mittlerweile Rückendeckung von ganz oben: “Vergesst nicht: Die haben ihre Dollars, wir haben unser Volk, unseren Gott”, sagte der Erdogan am späten Donnerstag seinen Anhängern in Rize am Schwarzen Meer. Sein Land kann Hilfe gebrauchen, denn die Krise um die Landeswährung Lira spitzt sich zu.


    Seit Jahresbeginn hat die türkische Lira gegenüber US-Dollar und Euro rund ein Drittel an Wert verloren. Die Inflation in der Türkei stieg auf 15 Prozent, das Wirtschaftswachstum liegt inzwischen unter dem bisher gewohnten Niveau.

    Den drastischen Verfall der türkischen Währung schauen sich nun auch die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) an. Ihnen geht es um die Verbindungen europäischer Banken zu dem Land. Droht hier Ansteckung für das europäische Bankensystem?

    Gefahren für BBVA und BNP Paribas?

    Insgesamt würden die Aufseher die Situation zwar noch nicht als kritisch einstufen, berichtete die “Financial Times” am Freitag unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Allerdings seien die Großbanken BBVA aus Spanien, die italienische Unicredit und die französische BNP Paribas besonders exponiert. Die Aufseher würden die Situation schon seit einigen Monaten verfolgen, schreibt das Blatt. Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab.

    “Der Türkei droht eine Finanzkrise”, sagte der prominente türkische Ökonom Korkut Boratav der DW. “Dann werden Kredite nicht zurückgezahlt, Unternehmen melden Konkurs an und am Ende trifft es die Banken.”

    Allerdings hätten die Europäer wissen müssen, dass Kredite für türkische Unternehmen und Banken riskant sind. “Das ist einer der wichtigsten Grundsätze der freien Marktwirtschaft: Wer Geld leiht, geht ein Risiko ein und nimmt die Verluste in Kauf.” 

    Staatschef Erdogan hat sich die Probleme mit der Lira zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben. Im Bestreben, seine Machtfülle auszubauen, hat er sich auch den direkten Zugriff auf die bisher unabhängige türkische Zentralbank gesichert. Deren Spitzte wird nun von direkt vom Präsidenten eingesetzt. Internationale Anleger reagierten irritiert. Seither fließt Kapital aus der Türkei ab.

    Türkei Recep Tayyip Erdogan (picture alliance/dpa/AP/B. Ozbilici)

    Zugriff auf die Zentralbank – der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan

    Das belastet nicht nur den Lira-Kurs, der am Freitag auf ein neues Rekordtief sank: Am Vormittag wurde ein Euro zeitweise für 7,2254 Lira gehandelt, ein Abschlag von weit mehr als zehn Prozent allein an einem Tag.

    Auch wurde der bisherige Aufschwung der Türkei stark durch Kredite finanziert. Fachleute warnen vor der hohen privaten Verschuldung in US-Dollar, was eine steigende Schuldenlast bei abwertender Landeswährung nach sich zieht. Außerdem ist die Türkei auf einen steten Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen, um ihre Importe zu finanzieren.

    Lira-Verfall und Inflation

    Angesichts der hohen Inflation von offiziell 15 Prozent empfehlen Volkswirte eine Erhöhung der Leitzinsen durch die Zentralbank. Das allerdings verhindert der Präsident. Erdogan hat sich selbst als “Gegner der Zinsen” tituliert und angekündigt, noch größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben.

    “Entweder ist er aus religiösen Gründen gegen höhere Zinsen”, sagt der türkische Ökonom Boratav. “Oder er denkt, dass er von der hoch verschuldeten Bauwirtschaft profitiert.”

    Erdogan will, dass die Banken weiter billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Anleger befürchten jedoch, dass es zu einer Überhitzung kommen könnte.

    Hinzu kommen hausgemachte politische Probleme. Erdogan legt sich zunehmend mit den USA an. In dem Streit zwischen Washington und Ankara geht es um den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson.

    Brunson lebt seit mehr als 20 Jahren in der Türkei. Die dortige Justiz wirft ihm nun vor, Kontakte zum Prediger Fetullah Gülen unterhalten zu haben, Brunson weist das zurück. Erdogan macht seinen einstigen Verbündeten Gülen für den Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren verantwortlich.

    Gülen lebt in den USA, die Türkei verlangt, bisher erfolglos, seine Auslieferung. Die USA und die Türkei haben inzwischen Sanktionen gegen Minister des jeweils anderen Landes verhängt. Die Regierung in Washington stellt zudem den teilweise zollfreien Zugang der Türkei zum US-Markt auf den Prüfstand.

    Gespräche hochrangiger Regierungsvertreter beider Seiten brachten am Mittwoch in Washington nach US-Angaben keinen Durchbruch. Aus türkischen Kreisen hieß es, die von Staatssekretär Sedat Önal angeführte Delegation sei inzwischen wieder zurück in Ankara.

    Konflikte mit den USA

    Im Hintergrund schwelen aber weitere Konfliktherde. Ankara und Washington vertreten unterschiedliche Positionen und Interessen, was die jeweiligen Militärinterventionen im Syrienkrieg anbelangt. Auch Pläne des NATO-Landes Türkei, Raketenabwehrsysteme von Russland zu kaufen, machen die Sache nicht einfacher.

    Im Verhältnis der Türkei zu Europa richteten sich in dieser Woche die Sorgen aber zunehmend auf den Bankensektor. Türkische Unternehmen haben Kredit-Verbindlichkeiten in einer Höhe, die fast einem Drittel des türkischen Bruttoinlandsprodukt BIP entspricht. “Die Türkei benötigt momentan 238 Milliarden Dollar”, so der Ökonom Boratav zur DW. 

    Angesichts des Verfalls der heimischen Währung kann das zu einer ernsten Gefahr für die Banken des Landes werden. “Natürlich hätte eine ausgewachsene Bankenkrise in der Türkei negative Auswirkungen auf das Bankensystem der Eurozone”, schreiben Experten der Berenberg-Bank in einer neuen Analyse.

    Zwar seien die Gefahren für die Eurozone begrenzt, so die Volkswirte, doch Banken aus drei Ländern der Eurozone hätten hohe Forderungen in der Türkei. Für Spanien geht es der Berenberg-Bank zufolge um 81 Milliarden Euro, für Frankreich um 35 Milliarden und für Italien um 19 Milliarden Euro.

    Türkei Wirtschaft Türkische Lira (Getty Images/C. McGrath)

    6,63 zu 1 – Lira mit Rekordtief im Vergleich zum Euro

    “Seit geraumer Zeit haben Investoren die sich entwickelnde Währungskrise in der Türkei nur als lokales Problem eingestuft, aber das beschleunigte Tempo des Absturzes nährt die Sorgen um das Türkei-Engagement europäischer Banken”, gibt auch Michael Hewson zu Bedenken, Analyst beim Londoner Derivatehändler CMC Markets. Immerhin seien die Instrumente der EZB mittlerweile ausreichend, um einer denkbaren größeren Krise zu begegnen, urteilt die Berenberg-Bank.

    Hilfsprogramm des IWF?

    Zurückhaltend auch der Kommentar des Ökonomen Thomas Gitzel von der VP Bank: “Die angespannte Situation könnte durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden. Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung. Doch genau hierbei mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen.”

    “Bisher zeigt sich Präsident Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt. Das ist ein gefährliches Spiel”, warnt Lutz Karpowitz von der Commerzbank. “Wer derzeit nicht auf ein Einlenken von Erdogan setzen mag, sollte weitere massive Lira-Schwäche einplanen.”

    Nach Meinung der Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs könnte der Lira-Verfall die Kapitalpuffer der türkischen Banken sogar aufzehren. Sollte der Dollar dauerhaft auf 7,10 Lira steigen, hätten die Institute keinerlei Sicherheitspolster mehr.

    Am Donnerstag trieben bereits verstärkte Spekulationen auf Zahlungsausfälle in der Türkei die Kosten für Kreditausfall-Versicherungen auf den höchsten Stand seit Jahren. Viele Anleger ziehen weiter Geld ab und verkaufen türkische Anleihen und Aktien.

    Der türkische Ökonom Korkut Boratav glaubt, dass eine Finanzkrise nur mit einem Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) abgewendet werden könnte. Im Jahr 2001 erhielt das Land einen Kredit von zehn Milliarden US-Dollar und musste ein Sanierungsprogramm umsetzen. “Der IWF hat damals durchgesetzt, dass der türkische Staat die Schulden des privaten Sektors absichert”, so Boratav. “Wenn die Türkei den IWF um Hilfe bittet und die Schulden verstaatlicht, würde das auch die europäischen Banken retten.”

    ar/bea (rtr, dpa, DW, Berenberg-Bank, Bloomberg) 

    Übernommen von DW – Deutsche Welle (BRD-Auslandsinformationssender)

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