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    Philip Morris is watching you! Gesichtserkennung im Tabakladen

    4 Jul    Panorama

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    Jul 4

    Philip Morris is watching you! Gesichtserkennung im Tabakladen

    Herr X ist die Werbung im Tabakfachhandel seines Vertrauens gewohnt. Er weiß zwar, was er kaufen möchte, wenn er den Laden betritt. Dennoch empfiehlt ihm eine Bildschirmanzeige mal dies, mal jenes – je nach Laune der Software hinter dem Werbemonitor. Bisher verhielt sich die Anzeigentafel dabei relativ willkürlich. Sie orientierte sich nicht gerade nach den Bedürfnissen von Herrn X. Doch seit neustem zeigt die Anzeige immer das Produkt, das Herr X sich ohnehin gekauft hätte. Nett, denkt sich Herr X und verlässt den Laden.


    Nein, hier sind keine übernatürlichen Kräfte im Spiel. Der Tabakriese Philip Morris erprobt in zwei Tabakfachhandlungen in Wien Kameras mit Gesichtserkennung. Diese ermitteln aus allgemeinen Gesichtsmerkmalen das Geschlecht und Alter des Kunden. Daraufhin spielt ein Algorithmus auf einer Anzeigetafel die Werbung aus, die dem Unternehmen für den ermittelten Typ Konsument geeignet scheint.

    Will der Tabakkonzern sich damit zu Big Brother aufspielen? Baut die Wirtschaft so am Überwachungsstaat mit, den sich auch mancher Politiker wünscht?

    Keine personenbezogenen Daten

    Überwachungsphantasien liegen Philip Morris ganz fern, versichert Claudia Oeking, Leiterin Corporate Affairs bei Philip Morris Austria, gegenüber Sputnik. Es handle sich um reine „Wahrscheinlichkeitsdaten“, es würden „keine personenbezogenen Daten“ erhoben.

    „Wir können keine Personen identifizieren. Wir können auch keine Person, die zwei Mal reinkommt, wiedererkennen“, betont sie. „Es findet keinerlei Speicherung von persönlichen Daten statt.“

    Die Kameras dienen zwei Zwecken: Zum einen werden die Werbeanzeigen besser an Alter und Geschlecht des Besuchers angepasst, zum anderen wird eine Besucherstatistik pro Tag und Woche erhoben. Diese Statistik sei auch nichts Besorgniserregendes, fügt Oeking hinzu, denn: „Früher hat man solche Daten mit einem Studenten ermittelt, der mit Block und Bleistift dastand.“ Heute mache das eben ein Algorithmus.

    © Foto : Philip Morris GmbH
    Claudia Oeking

    Verwendet werden könne die Statistik zum Beispiel für Aktionen der Tabakbranche, wenn etwa eine neue Marke auf den Markt kommt. Dann darf das Unternehmen die neuen Zigaretten in den Trafiken kostenlos an Erwachsene ausgeben. Und wenn es dann weiß, dass etwa am Dienstag mehr Kunden kommen als am Samstag, findet die Aktion einfach dienstags statt.

    Ein Update von Personenerkennung entfernt

    Herr X hatte in unserem Beispiel das Glück, Herr X bleiben zu dürfen. Im Pilotprojekt von Philip Morris bleibt er auch unerkannt. Aber was ist, wenn die Kamera plötzlich auch noch hinzufügt: Herr X ist Franz Bösenmayr aus dem 19. Bezirk, mit Vorliebe fürs Grillen und einer Schwäche für Glücksspiele? Sagt er dann immer noch „nett“?

    „Es ist nur ein Softwareupdate nötig, dass ich dem System mehr Daten gebe, um Leute detaillierter zu erkennen“, hebt Georg Markus Kainz, Datenschützer vom österreichischen Datenschutzverein „quintessenz“, im Sputnik-Interview hervor. „Ich kann jederzeit eine dumme Kamera zu einer intelligenten Kamera machen, ohne dass wir das als Konsumenten mitbekommen.“

    Abgesehen von dieser Gefahr findet der Datenschützer es auch bedenklich, dass die Menschen hier an eine fragwürdige Technik gewöhnt werden. Wenn die Begegnung mit Kameras im öffentlichen Raum zum Alltag wird, geht beim Konsumenten auch das Gefühl verloren, „dass diese Informationen auch für etwas Anderes verwendet werden könnte“, ist er sich sicher.

    © Foto : Joanna Pianka
    Datenschützer Georg Markus Kainz

    Schließlich sei das Ganze auch dann noch datenschutzrechtlich relevant, wenn keine personenbezogenen Daten erhoben werden. Denn es werde ein Bild aufgenommen und analysiert. „Es wird mit diesen Informationen eine Entscheidung getroffen, die eine Auswirkung auf mich als Konsumenten hat“, betont Kainz. Deswegen ist die Aktion für ihn ein „massiver Eingriff in die Privatsphäre der Kunden“.

    Kostenersparnis: Das Strich-Argument zählt nicht

    Dass hier lediglich die Arbeit eines Mitarbeiters auf eine Maschine verlagert werde, lässt Kainz auch nicht gelten. „Schon nach dem alten Datenschutzgesetz galt, dass die reine Ersparnis von Kosten kein Grund für Überwachungsmaßnahmen sein darf“, bemerkt er. Es gebe auch einen augenscheinlichen Unterschied: Eine Person macht einen Strich und vergisst den Kunden dann wieder. Zudem kann sie nicht herausfinden, wer der Besucher ist. „Ein Computer vergisst nie. Er kann Daten für immer und ewig speichern und auswerten.“ Deswegen sei es wichtig, im Vorfeld sicherzustellen, dass hier nicht ein kleiner Nutzen des Gewerbes mit einer großen Gefahr für den Konsumenten erkauft wird.

    Erst informieren – dann filmen

    Die richtige Praxis für den Datenschützer wäre die: Man müsste informiert werden, bevor man überhaupt in den Blick der Kamera tritt. Und:

    „Wenn ich als Konsument nicht aufgenommen und analysiert werden möchte, dann muss ich die Möglichkeit haben, neben dem Blick der Kamera einkaufen zu können. Oder dass die Kamera für den Moment ausgeschaltet wird, damit ich unbeobachtet einkaufen kann.“

    Philip Morris hielt es bis vor kurzem nicht für nötig, die Besucher darüber zu informieren, dass die Technologie eingesetzt wird. Gegenüber Sputnik heißt es aber schon: „Wir informieren die Kunden jetzt vor Ort darüber.“ Und es heißt, der Test würde abgebrochen werden, wenn die Kunden damit Probleme haben. Hat also der Alarm der Datenschützer schon Früchte getragen?

    Das Interview mit Claudia Oeking:

    Das Interview mit Georg Markus Kainz:

    Übernommen von Sputnik News

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