FFD365 - Das Informationsportal

    „Ossis“ in die Redaktionen? Gegen verzerrte Medienberichte über Ostdeutschland

    13 Jun    Gesellschaft
    Jun 13

    „Ossis“ in die Redaktionen? Gegen verzerrte Medienberichte über Ostdeutschland

    Werbung

    Es ist Zeit für Dich!


    Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hatte in einer am Dienstag veröffentlichten Auswertung der Presse seit 1990 festgestellt, die Probleme Ostdeutschlands würden die Berichte über die Situation im einstigen DDR-Gebiet beherrschen. Dagegen käme zum Beispiel die reichhaltige ostdeutsche Kulturlandschaft zu kurz, während die Wirtschaft an erster Stelle stehe.


    Laut MDR beschäftigte sich nur jeder 15. Beitrag zu Ostdeutschland mit dessen Kultur. „Auffällig ist diese Zahl vor allem, weil die neuen Länder (ohne Berlin) mit 2,4 Orchestern und Theatern pro 100.000 Einwohnern gegenüber nur 0,9 Orchestern und Theatern pro Einwohner in den alten Bundesländern eine etwa zweieinhalbfache Kulturdichte haben.“

    Das Wort „Problem“ bestimme die Nachrichten aus dem Osten, so der Sender, der Millionen von Pressebeiträgen digital auswerten ließ. Zudem habe sich der Tenor beim Thema Wirtschaft in den letzten Jahren von positiven Begriffen wie „Aufschwung“ und „Wachstum“ hin zu „Armut“ und „abgehängt“ verändert. Im Vergleich zu Berichten über die westdeutschen Bundesländer seien zudem die Begriffe „Rechtsextremismus“ und „Hass“ in Bezug auf Ostdeutschland öfter verwendet worden.

    Stimmt das Bild von Ostdeutschland?

    Der MDR äußerte sich in seinem Online-Text zur Analyse der Pressebeiträge nicht zur Frage, ob damit eventuell sogar ein realistisches Bild wiedergegeben wurde. Fakt ist, dass die Situation in Ostdeutschland über 27 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik immer noch von Unterschieden und Problemen gerade im wirtschaftlichen und sozialen Bereich geprägt ist. Auf die „signifikanten Unterschiede in den Lebensverhältnissen der Menschen“ hatte unter anderem der Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch im Herbst 2017 in der Online-Zeitschrift „Das Blättchen“ hingewiesen.

    Wissenschaftlicher Ergebnisse seien immer abhängig von der eingesetzten Methode. Darauf wies der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen gegenüber Sputniknews mit Blick auf die MDR-Analyse hin. Er ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Analyse des Senders mit Hilfe von „Big Data“ sei methodisch seriös, könne aber nur wenig über die Qualität und Tendenz der Berichterstattung über Ostdeutschland aussagen. Ein einzelner Begriff sage „noch nichts über das Narrativ“, also die Grundtendenz, von Berichten aus.

    Können Medien nichts Anderes?

    „Was wir generell beobachten bei allen Berichten nicht nur zu Ostdeutschland, sondern auch mit DDR-Bezug, deckt sich mit dem, was diese MDR-Studie jetzt herausgefunden hat“, so der Wissenschaftler über eigene Erkenntnisse zum Thema. „Wir haben eine eher negative und stark problembezogene Berichterstattung.“ Das sei aber auch in der Handlungslogik des Mediensystems begründet:

    „Wir wissen, dass Medien sich vor allem auf negative Dinge konzentrieren, dass sie nach Skandalen suchen, Konflikte überbetonen und einmal etablierte Themen immer weiterschreiben. Dann verwundert nicht, dass man in solch einer Studie sehr viele Texte mit dem Schlagwort ‚Rechtsextremismus‘ oder mit dem Schlagwort ‚Problem‘ findet.“

    Meyen bezeichnete das als „einerseits normal“, andererseits sei die Aufregung infolge solcher Studien berechtigt. „Weil Medien für uns Realität konstruieren“, begründete er das im Interview. „Gar nicht so wenige Menschen aus Westdeutschland waren knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht im Osten. Und alles, was sie über den Osten wissen, speist sich aus Medienberichten oder Berichten von Freunden und Verwandten, die in den Osten fahren.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: Ghettos in Deutschland? – Studie: Soziale Spaltung in Städten nimmt zu

    Wenn Medien ein sehr problemlastiges und negatives Bild von Ostdeutschland konstruieren, wirke sich das auf das Bild davon im Westen aus. Das habe auch Folgen, wenn es darum geht, bestimmte politische Entscheidung im Zusammenhang mit dem Osten zu akzeptieren, vom Neubau von Kulturstätten im Osten bis hin zum „Soli“, dem „Solidaritätszuschlag“, den angeblich nur die Westdeutschen bezahlen würden.

    Erwartungen an Medien aufgeben?

    Der Kommunikationswissenschaftler forderte dazu auf, sich von der Idee zu verabschieden, die Medien als Spiegel der Realität zu sehen. „Journalisten konstruieren eine zweite Realität, eine scheinbare Wirklichkeit, die für uns als Publikum genauso relevant und wichtig ist wie die ‚Realität erster Ordnung‘, also das, was wir in unserem Alltag erleben.“ Das Problem sei, dass diese Medienrealität als Grundlage und Orientierungsrahmen für Handlungsweisen und Entscheidungen genommen werde. „Da hat die MDR-Studie recht“, kommentierte Meyen die Analyse.

    Aus Sicht des Wissenschaftlers, der selbst aus Ostdeutschland stammt, ist es kein Zufall, dass der MDR diese Analyse erstellen ließ und die Ergebnisse „mit entsprechenden Alarmsignalen“ veröffentlicht. Er habe in den ostdeutschen regionalen Medien „Regional-PR“ festgestellt: „Wir werden in Rostock, Chemnitz oder Leipzig deutlich weniger negative Berichte über die jeweilige Region finden, sondern eher Positives.“ Das sei aber in Westdeutschland nicht anders. Auch dort werde der „regionale Stolz mit entsprechenden Berichten gefüttert“.

    Fehlen Ostdeutsche in Redaktionen?

    Der Kommunikationswissenschaftler Christian Kolmer hatte in dem 2009 erschienenen Sammelband „Die Ostdeutschen in den Medien“ festgestellt, dass besonders die Medienstrukturen zu einem „verheerenden Bild der Lage in Ostdeutschland“ führen. „Die Regeln des Mediensystems führen dazu, dass die kritischen Aspekte das Bild des Ostens dominieren.“ Diese Erkenntnis Kolmers bestätigte Meyen gegenüber Sputniknews. Er verwies dabei auf die personelle Zusammensetzung vieler Redaktionen, in denen Ostdeutsche „eher unterrepräsentiert“ seien. Das gelte besonders für die Führungsebene, deutlich bei den sogenannten Leitmedien. „Das hat Auswirkung auf die Berichterstattung.“

    Der Zugang zu Spitzenpositionen im Medienbereich sei für Ostdeutsche schwieriger als für Westdeutsche, so der Kommunikationswissenschaftler aus München. Das sei aber nicht mehr vereinigungsbedingt, sondern inzwischen Folge der Unterschiede in den Lebensverhältnissen und Chancen in Ost und West.

    Meyen sieht die Alternative darin, „mehr Ostdeutsche, mehr Menschen mit ostdeutschem Hintergrund, in die Redaktionen zu holen“. Das gelte auch für Spitzenpositionen – „dann dürfte sich der Blick auf das, was in Ostdeutschland passiert, ganz automatisch verändern, weil diese Menschen eigene Erfahrungen mitbringen und kein Interesse daran haben, ihre Herkunftsregion abzuwerten und deshalb ein anderes Medienbild produzieren würden.“

    >>Mehr zum Thema: AfD „eine große Gefahr im Osten“ – SPD bekommt Ostbeauftragten

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Michael Meyen zum Nachhören:

    Übernommen von Sputnik News

    Bewerten Sie diesen Beitrag!
    0 von 5 Sternen. 0 abgegebene Wertungen.
    Ihre Bewertung:

    Hits: 5

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

    *

    Teilweise werden Texte, Bilder, Grafiken und Videos übernommen. FFD365 fragt vorab um Erlaubnis oder nutzt kostenfreie und allgemein zugängliche Quellen, Rechte und Pflichten der ursprünglichen Verfasser und Herausgeber bleiben jedoch davon unverändert. Wir übernehmen per RSS-Reader und gewähren so, das kein Beitrag von FFD365 zensiert oder geändert wird. Vor Abmahnungen: Bitte nehmen Sie Kontakt mit dem Herausgeber dieser Seite auf.

    Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Bitte beachte die Datenschutzbestimmungen. Weitere Informationen

    Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

    Schließen